|
|
||||
Winter-Trekking bei Eis und SchneeMit Schneeschuhen auf dem Cottonwood-Trail
|
|
|
Seit Tagen sind wir in unserer am Rande des Kluane Nationalparks gelegenen Blockhütte zuhause. Schnee bestimmt die Landschaft. Auch wenn es nicht so viel hat wie in Spitzenjahren, wird es für die geplante Tour mehr als reichen. Besonders bei den Pass-Überquerungen kann wohl mit extrem tiefen Schneeverwehungen gerechnet werden. Ich komme vom Outhouse zurück und blicke auf die Gipfel der St. Elias Range, die sich direkt vor unserer Hüttentür erheben. Steil, verschneit und hoch. Im Kluane Nationalpark liegt nicht nur der höchste Berg Nordamerikas, Mount Logan mit knapp 6.000m Höhe, hier versammeln sich gut 20 weitere Berge mit Höhen um die 3.000m um das größte nicht-polare Eisfeld der Erde. Im Winter können hier im Gegensatz zum eigentlich semi-ariden Yukonklima ganz erstaunliche Schneemengen fallen. Und die Temperaturen mögen auch mal für längere Zeit unter -30Grad bleiben. In Extremfällen auch bis –50 Grad. Trekking in diesen Naturgewalten wird dann zum wirklichen Abenteuer. In unserem letzten Newsletter berichteten wir von den Vorbereitung zu einer Schneeschuh-Tour, die Rainer direkt ins Herz dieses Nationalparks, in die tief verschneiten Höhen und Täler der Kluane Mountain Range bringen sollte. Ein 4-5 Tages-Trekking auf dem Cottonwood Trail war geplant. Im Winter: Februar 2003. Zwei unsere Gäste werden ihn begleiten. Kurz bevor ich in der heimeligen Hütte verschwinde, schaue ich noch ein letztes Mal auf die gewaltige Felswand. Und auf das Thermometer: am Morgen –37Grad!
Erster Tag: Schwarzes Eis und weiße Risse (von Elisabeth) In der Nacht hat es wild gestürmt. Der ganze Schnee auf dem zugefrorenen See ist weggeweht. Eine schwarze spiegelglatte Fläche breitet sich vor uns aus, durchzogen von zahlreichen, weißen Rissen, die zwar anzeigen, wie tief die Wasseroberfläche zugefroren ist, aber dennoch kein rechtes Vertrauen wecken. Beide Schneemobile sind bepackt. Rainers Skidoo zieht zusätzlich einen Schlitten mit dem restlichen Gepäck. Dick vermummt stehen wir neben den laufenden Maschinen. Es kann losgehen. Ich werde die Gruppe die ersten 8 Kilometer über den See begleiten. Das spiegelglatte Eis ist zum wandern nicht geeignet. An Ende des See dann beginnt der Fußmarsch für die nächsten Tage. Ein schneidend kalter Wind zwängt sich in jede Ritze des Bekleidung. Die letztes Reste Schneepulver wirbeln uns um die Nasen. Eins steht fest: auf einer schöner dicken Schneedecke fährt es sich tausendmal besser. Der Schlitten schwänzelt ständig und versucht bei der kleinsten Verzögerung seitlich auszubrechen. Dann passiert es. Meine Maschine gibt auf. Mitten auf dem See muss ich sie stoppen. Sie zieht nicht mehr. Rainer bemerkt bald, dass ich fehle und kehrt um. Auf die Seitegelegt sehen wir den Schaden schnell. Die kühlende Reibung des Schnee fehlte und so ist ein Antriebsrädchen festgegangen. Dass die kleine Bravo bis oben hin vollgeladen war, hat wohl auch nicht gerade geholfen. Wir schauen uns gottergeben an. Dann muss es halt die andere Maschine alleine schaffen. Rainer packt um, auf seine leistungsstärkere BearCat. Dann muss Terry, unser einer Gast auf dem Schlitten sitzen. Uschi, mein Sozius nimmt hinter Rainer Platz. Mit Getöse sind sie weg. Ich stehe alleine neben meiner invaliden Schneemaschine. Und dann höre ich es wieder! Hatte ich mich doch nicht getäuscht! Nun da alles totenstill um mich herum ist, vernehme ich das Krachen unter mir ganz deutlich. Dann etwas weiter weg. Ruhe. Dann wieder. Seitlich. Dann hinter mir. Auch wenn man weiß, dass das Eis meterdick gefroren ist, kann einem dieses Geräusch fast den Verstand rauben. Wie ein Wellengang in einem überdimensionierten, geschlossen Becken hallt es unter mir im See. Das Eis liegt wohl unbeweglich und fest unter mir. Das Wasser darunter allerdings gerät immer wieder in unregelmäßige Bewegung und schlägt unwillig gegen seine Begrenzung. Na ja, manchmal muss das Wissen den Glauben stärken. Rainer kehrt zurück. Gemeinsam bringen wir das lädierte Skidoo zum Parkplatz. Dann fahre ich Rainer ein letztes Mal ans andere Ende des Sees. Dort werden die bunte Punkte von Ausrüstung und unseren Gästen in der Schneelandschaft sichtbar. Die Zugschlitten werden fest verschnürt, obenauf die Schneeschuhe, denn für die nächsten Kilometer erwartet die Wanderer ein fest gepackter Trail. Was danach kommt werden sie bald herausfinden. Ich verteile eine Runde Orangen, drücke jeden noch einmal fest, ein erstes, denkwürdiges Tripfoto, dann ziehen sie los. Nachdem sie um die erste Biegung im tief verschneiten Fichtenwald verschwunden sind, mache ich mich auch auf den Rückweg. Es bläst noch stärker. Von der Sonne keine Spur. Es fängt an, leicht zu schneien. Während mir der Fahrtwind die Fellmütze an die Stirn drückt, drehe ich mich noch mal kurz um, aber von ihnen ist nichts mehr zu sehen. In 4 oder 5 Tagen erwarte ich sie wieder, am anderen Ende des, im Sommer so lieblichen, Cottonwood Trails. Nach 80 Kilometer durch einsamste Wildnis, durch hüfthohen Schnee, über karge Pässe, nach kalten Nächten im Freien. So ganz kann ich mich nicht entschließen, ob ich sie beneide oder nicht.
Zweiter Tag: In die Wildnis (von Rainer) Ich krieche aus meinem Biwaksack und schlüpfe sofort in die Innenschuhe meiner Sorrels. Schön warm, denn sie befanden sich ja auch die ganze Nacht mit mir im Schlafsack. Über mir strahlt eine leuchtende Wintersonne am blassblauen Himmel auf die uns ungebende Schneelandschaft. Herrliches Wetter! Aber zuerst gilt es ein wärmendes Feuer zu entfachen und uns ein gutes Frühstück zuzubereiten. Die Methode mit dem hölzernen Stangendreibein hat sich schon gestern Abend bestens bewährt. Armstarke Äste gibt es überall. Drei Stück mit etwas Draht oben zusammengehalten und aufgestellt, kann der Topf, der an einer Kette direkt darunter baumelt, nicht mehr im schmelzenden Schnee verschwinden. Bestens! Bald köchelt unser Brei. Den Frühstückstee haben wir schon in die Thermoskannen abgefüllt. Alles läuft wie am Schnürchen. Jeder tut einen Handschlag und wir harmonisieren ausgezeichnet. Gestern sind wir bis zur Johobo Lake Ebene gekommen. Auf dem festen Trail ging es flott voran. Eine gute Etappe, trotz des nicht so schönen Wetters. Am Abend war es richtig windig geworden, was wir im offenen Gelände sehr zu spüren bekamen. Kurz bevor wir Camp aufschlugen, bin ich noch in einem von Wind verdrifteten Moorloch eingebrochen. Bis zu den Hüften im Schnee verschwunden, blieben die Füße dennoch Gott-Sei-Dank trocken. Unser Lager war von der „feinsten“ Sorte: Mit der Schneeschaufel hoben Terry und ich eine breite Kuhle aus dem festen Schnee aus. Hier passten wir alle drei nebeneinander rein. Wir verzichteten auf das Errichten einen Spitzdaches mit den ausgehobenen Schneeblöcken. Für den fall das schneien sollte, spannten wir eine Plane an unseren Wanderstöcken über dem „Dreier-Bett“ auf. Es hat zwar nicht geschneit, wir lagen aber schön windgeschützt in unseren wirklich warmen Säcken. Jeder wurde von einem wasserdichten, atmungsaktiven Biwaksack umhüllt, der uns vor eventuell schmelzendem Schnee schützte. Es war wirklich eine prima Nacht. Seit zwei Stunden sind wir unterwegs. Recht schnell mussten wir unsere Sonnebrillen aufsetzen. Die Sonne brennt auf unser herunter und bricht sich gleißend im Schnee. Wir steigen auf zum ersten Pass. Den Sommertrail können wir nicht verfolgen. Im Winter empfiehlt es sich auf freien Flächen zu marschieren wie hier auf dem zugefrorenen Cottonwood Creek. Wir folgen dem Flussbett in Richtung Cottonwood Pass. Recht und links von uns erheben sich die monumentalen Gipfel der St. Elias Range, an deren steilen Hänge im Sommer immer grasende Wildschafe zu sehen sind. Jetzt überziehen sie Schneefelder und Eisflächen. Es wird mühsamer. Die Schlitten zeigen nun bergauf ihr Gewicht und wir sind froh um unsere Trekkingstöcke. Vor uns zieht sich das Tal immer enger zusammen. Im Pullover steigen wir immer steiler immer höher. Terry hat seinen Mütze gegen ein Tuch getauscht, das er zusammengerollt um die Stirn bindet. Zu Ehren von Uschi hat es dieses, mit dem bayerischen Staatssymbol bedruckte Kopftuch mitgenommen. Und sie weiß es zu schätzen. Immer wieder pausieren wir. Es gibt ein paar Brocken selbstgeräuchertes Elchtrockenfleisch oder Uschis gute Vollkorn-Müsliriegel aus Deutschland. Terry teilt seinen Geheimtipp aus: in Honig geröstete, kleine Sesamkörnerhäppchen. Wir grinsen alle drei übers ganze Gesicht. Wir haben es geschafft! Der erste Pass liegt hinter uns. Eine ganze Weile standen wir auf der Anhöhe, blickten ins tief unter uns liegende Kathleen Tal zurück und ließen unserer Freude über diesen wunderbaren Tag freien Lauf, bevor wir noch ein wenig in das folgende Hochtal absteigen. Dort schlagen wir etwas windgeschützter unser heutiges Lager auf. Hier oben am Beloud Creek, der sich im Sommer zwischen den beiden Pässen hindurchschlängelt, nun aber festgefroren und zugeschneit im Bachbett erstarrt liegt, gibt es kein Holz. Werde für ein Feuer noch für das Kochgestell. Heute bereiten wir unser Abendessen auf dem Gaskocher zu. Leider eignen sich die mitgebrachten, nun steif gefrorenen Ravioli nicht besonders zum schnellen Aufkochen im Topf. Der Kocher lässt einiges durch seine direkt Hitze am Boden anbrennen. Unschi schaut mich verzeihend an. Auch Terry ist das nicht so wichtig. Wir drei sind einfach froh eine warme Mahlzeit in den Magen zu bekommen. Und geschmeckt hat es doch noch. Und die ganze Zeit haben wir einen sagenhaften Sonnenuntergang beobachten können, der die einsamen Gipfel um uns herum letztendlich in eine Mischung aus Gold und Violett taucht. Nachdem die obligatorische Dreiermulde aus dem Schnee gehoben wurde, verkriechen wir uns bald in unserem molligen Schlafsäcke. Die Plane haben wir heute auch weggelassen, so können wir auf dem Rücken liegend das unglaubliche Sternenmeer am Yukon- Himmel bestaunen.
Dritter Tag: Schneewehen und Sonne (von Terry, übersetzt ins Deutsche Unser dritter Tag in den Bergen beginnt. Wieder habe ich sehr gut geschlafen. Das warme Müsli-Frühstück schmeckt auch ausgezeichnet. Ein Feuer wäre jetzt nett, aber dafür gibt es kein Holz. Hier oben findet man auch im Sommer nur Weidenbüsche und Zwergbirken, sagt Rainer. Man kann zwar auch davon ein Lagerfeuer machen, aber wir wollen nicht zwei Meter Schnee wegschaufeln. Heute abend sollen wir wieder im Waldgebiet sein. Dann gibt es ein Feuer. Gestern sind wir den ganzen Tag mit den Schneeschuhen gelaufen. Ich muss nun eingestehen, dass sich die traditionellen großen Schneeschuhe aus Holz und mit Lederbespannung sehr viel besser bewährt haben als meine eigenen. Diese sind zwar viel leichter mit dem Alurahmen und der Plastikbespannung, dafür aber viel zu klein. Das was ich an Gewicht sparte, musste ich an Anstrengung wieder einsetzen. Trotz meiner nur 79 Kg sank ich bei jedem Schritt tiefer ein als erwartet und musste mit Mühe den Fuß wieder aus dem Schnee ziehen, während Uschi und Rainer leichtfüßig dahin marschierten. Eine spur zu brechen ist mit meinen moderneren Schneeschuhen auch keine Freude, denn die Spur blieb immer schmaler als mein Tobbogen, sodass dieser schwer zu ziehen war. Seit Stunden bewegen wir uns mit Hilfe der Karte und dem Kompass über scheinbar endlos weiße Ebenen. Nachdem wir zum zweiten, dem Dalton Pass aufgestiegen sind, umgeben uns offenen Hänge und Gipfelstreifen so weit das Auge reicht. In jede Richtung kein Baum, kein Fels, gar nichts ragt hier oben aus der meterdicken Schneedecke heraus. Die Orientierung wird schwieriger. Der Himmel hat sich zudem völlig zugezogen. Zum Glück bleibt es windstill. Ab und zu bricht derjenige, der gerade die Führung übernommen hat, in eine tiefe Schneewehe ein. Das kostet immer viel Kraft, wieder herauszukrabbeln. Wir sind alle ziemlich froh, als wir uns zur Mittagspause niederlassen. Durch die Bewölkung ist es wärmer geworden. Wir schwitzen, denn die Schlitten ziehen auch tüchtig an uns. Aber trotz all der Mühsal kommen wir um hin, diese grandiose Landschaft, so gleichmäßig sie auch erscheint, mit Begeisterung in uns aufzunehmen. Es ist phantastisch und unheimlich zugleich. Wieder einmal stelle ich mit Zufriedenheit fest, dass meine Theorie stimmt: eine einsame Bergwelt, so wie diese hier im Kluane Nationalpark bringt entweder das Schlimmste oder das Beste in eine Menschen hervor. Wir sind so ein wunderbares Team, obwohl wir uns erst seit ein paar tagen kennen. Es sind so wunderbare Tage hier oben und ich bin froh, dass ich dabei sein kann.
Vierter Tag: Abstieg und viel zu warm (von Uschi) Der letzte Tag bricht an und es hat ein kleinwenig in der Nacht geschneit. Mit gemischten Gefühlen bin ich aufgewacht. Eines Teils war ich froh, dass uns in der Nacht kein Elch und kein Hundeschlitten-Gespann überrollt hat (Rainer wählte den Schlafplatz mitten auf dem Trail, es war dort so schön eben) und andererseits war ich ein bisschen traurig, dass in ein paar Stunden alles vorbei sein sollte. Wie üblich 7:00 Uhr allgemeine Aufbruchstimmung. 3 Schichten Kleider im Schlaf- und Biwaksack suchen und anziehen, zum Schluss die tiefgefrorenen Schuhe. Dann Schlafzimmer aufräumen und verstauen wie in einem 1 Zimmer App., anschließend zum Frühstücken mit Kraftfutter und Kaffee, das wie immer liebevoll von einem der Herren zubereitet wurde. Der Abwasch mit Aufräumen der Küche war schnell erledigt. Wir hatten ein Lager am gefrorenen Bach, in den Rainer ein Wasserloch schlug, und keinen von Ravioli eingebrannten Topf. Auch die Kochnische war schnell auf den Schlitten verstaut, ein letzter wehmütiger Blick zurück und los ging’s. Ich glaube, Rainer und Terry hatten Angst, dass ich kehrt mache und hier bleiben wollte. Sie nahmen mich energisch in die Mitte und ratschten über mich hinweg wie am Stammtisch. Nach einiger Zeit trafen wir die einzigen 2 Wanderer seit 4 Tagen, mit Skiern, noch an Ihrem Lagerplatz an. Sie hatten ihre nassen Schuhe zu nahe am offenen Feuer getrocknet, welche dadurch etwas unförmig geworden waren. Ihre Tour fortzusetzen wollten sie aber auf alle Fälle versuchen. Der Weg nach Hause führte wunderschön durch einen Wald immer bergauf und bergab, Vögel zwitscherten und Tierspuren gab es auch. Jetzt wo ich endlich kapiert hatte, wie ich den Schlitten bergab leite, sollte alles vorbei sein? Es wollte mir nicht so recht in den Kopf. Nach einer ausgiebigen Pause mit Dauer-Powerfutter ging es weiter. Kurz vor Mittag hörten wir Hundegebell und mussten einsehen, dass uns die Zivilisation wieder eingeholt hatte. Bald darauf kam uns ein einsamer Hund entgegen getrabt und wo Hundchen ist, ist auch Frauchen. So war es. Elisabeth kam uns entgegen, hoch erfreut, die letzten paar Kilometer noch meinen Schlitten ziehen zu dürfen. Die Heimfahrt im Truck verlief ganz schweigsam, und ich denke, jeder schwelgte noch in den Erinnerungen der vergangenen Tage. In der Cabin war es verdammt gemütlich, nur viel zu warm! Das Abendessen, es gab Elchgoulasch, schmeckte köstlich. Allerdings hätte es als Vorspeise Ravioli geben sollen, dann hätte wir noch ein bisschen Cottonwood - Feeling gehabt. Es waren erlebnisreiche, erfahrungsreiche und kraftzehrende Tage. Diese schönen Tage werde ich nie vergessen und ich hoffe, Rainer und Terry sehen dies auch so und nehmen mich das nächste Mal wieder mit.
|
|
![]()
Abenteuer-Reisen Yukon Wild
P.O. Box 40132 Whitehorse, Yukon, Y1A
6M8 Kanada
001 867 668 5511