Mit Yukon Wild auf dem Wind  River

Erlebnisbericht von Florina Raiser

 

Unterwegs im nördlichen Yukon 2007

Wer nördliche Landschaften, Wildnis und Stille sucht, der ist im Yukon an der richtigen „Adresse“. Nach zwei Jahren Abwesenheit zieht es auch uns wieder in dieses wunderschöne Land und zu „unserem“ Guide Rainer und seiner Frau Elisabeth. Endlich ist es soweit: unser Flugzeug landet in Whitehorse! Noch ein Tag zum Akklimatisieren und Einkaufen in Whitehorse – und dann geht’s los.

Nachdem wir uns alle am Flughafen getroffen haben, fahren wir mit Rainer raus auf sein Grundstück am Alaska Highway 947 (?), auf dem sich nicht nur das von ihm gebaute wunderschöne Blockhaus befindet, sondern auch die Gäste-Cabin und Platz für Zelte.

Wir: das sind 7 Leute aller Altersklassen (von Ende zwanzig bis Ende fünfzig) aus allen möglichen Regionen Deutschlands und der Schweiz und natürlich unser Guide Rainer, den bis auf eine Teilnehmerin schon alle kennen, wir sind also „Wiederholungstäter“. Am ersten Abend, als wir alle ums Feuer sitzen und Elchgulasch essen, wird schon klar: Wir werden uns mit Sicherheit auf dieser Fahrt gut verstehen.

Am nächsten Tag sind Paddelübungen auf dem Takini-River angesagt. Das ist auch unbedingt notwendig – denn Paddeln auf der Weser oder auf einem schwedischen See, sei er auch recht groß, ist eben doch etwas anderes als Paddeln im fließenden Gewässer.

Am folgenden Tag geht es dann mit dem Auto einige Stunden auf dem Highway erst in nördlicher, dann in östlicher Richtung, vorbei auch am Yukon und den berühmten five-finger-rapids nach Mayo, wo die Straße endet und es nur noch mit dem Wasserflugzeug weitergeht. Wir teilen uns in zwei Gruppen auf und sind, sobald die Flugzeuge beladen und die Kanus außen festgezurrt sind, schon in der Luft. Der Ausblick ist einfach großartig – nach den letzten Anzeichen menschlicher Zivilisation (Straßen zu einem Mining-Gebiet) gibt es nur noch Berge, Flüsse und Seen zu bestaunen. Nach einer knappen Stunde durch diese fantastische Bergwelt landen wir auf dem McClusky Lake. Camp aufschlagen, letztes Frischfleisch auf dem Feuer, kurzer Regenschauer, Regenbogen gegen Mitternacht und ein Elch im Wasser – das Abenteuer in der Wildnis hat begonnen!

Um zum Wind-River zu gelangen, muss man zunächst durch einen namenlosen Creek, der recht schnell fließt, ganz schön kalt und steinig ist, aber über weite Strecken zu flach zum Paddeln ist. D.h.: erst mal durch Wald und Gestrüpp die Boote und das Gepäck zum Creek tragen, dann treideln und schließlich doch ein wenig paddeln. Am Nachmittag sind wir dann endlich auf „unserem“ Wind-River, der wirklich eine gute Geschwindigkeit hat. Ich finde es sehr aufregend und sehe uns mehrmals kentern, aber wir schaffen es trotzdem immer wieder, doch noch um die Kurve zu kommen….

Unser erstes Camp schlagen wir an einem Kiesufer auf. Unsere Angler fangen uns zum Nachtisch noch Polaräschen. Obwohl wir nach diesem ersten Tag auf dem Wind-River alle recht müde sind, wollen wir doch noch die herrliche Landschaft und den Himmel und das Abendlicht genießen.

So geht es auch die nächsten Tage weiter: Der Fluss bleibt schnell, man muss sehr aufmerksam sein, körperlich anstrengend ist es eigentlich nicht, man muss fast mehr steuern als paddeln. Für mich ist das Paddeln in den ersten Tagen aber immer noch sehr aufregend; später wird sich das gelegt haben.

Der erste Abschnitt unserer Tour auf dem Wind ist gekennzeichnet durch die hohen Berge, die das Ufer säumen. Der Fluss selbst fließt in vielen verästelten Armen durch ein breites Tal. Ich versuche immer wieder mir vorzustellen, wie es hier zur Schneeschmelze wohl aussehen mag. Wasser und Wind haben diese großartige Landschaft gestaltet.

 

Wie beeindruckend diese Landschaft ist, bekommen wir so richtig von oben zu sehen: Nach einigen Tagen des Kanufahrens ist ein Tag Wandern angesagt. Wir steigen durch Wald und Wiesen auf, queren ein Bachbett (saukalt!) und Geröllfelder und blicken schließlich von einigen hundert Metern über dem Tal auf unser Camp und den Fluss hinab. Man kann teilweise 30-40 km weit blicken: nach Süden zu auf den Teil des Wind, den wir an diesem Tag gepaddelt sind, nach Norden zu auf die Strecke, die morgen vor uns liegt. Das ist wirkliche ein ganz besonderer Eindruck. Der Fluss mit seinen vielen Armen, Inseln und Kiesbänken sieht von oben einfach fantastisch aus, dazu ringsum die hohen Berge, dahinter endlose weitere Gebirgszüge und Bergkämme - und nirgendwo Spuren von Menschen! Wohl aber jede Menge Spuren von Tieren, an jedem Camp. Wir haben wirklich großes Glück: An einem Abend können wir stundenlang einer Biberfamilie zuschauen, ein andermal können wir, auf dem Bauch liegend, einen wunderschönen Elch mit großem Geweih in nur 20 Meter Entfernung betrachten, wir wagen kaum zu atmen! Aber auch Karibus, Dallschafe (einmal schwimmt eines vor uns durchs Wasser, aber wegen der schnellen Fahrt kann ich nicht fotografieren!) und Bären sehen wir.

Einmal machen wir eine wunderschöne, ausgedehnte Tageswanderung. Wir steigen auf über 1200 Meter auf – der Blick auf den Wind und einen zufließenden „Bach“, den Royal Creek (in Deutschland würde man so was nicht Bach nennen!), ist einfach nur grandios. Hier entsteht mein Lieblingsbild von dieser Reise, der Blick in die Ferne und in die Tiefe ist spektakulär.

Abends kommt ein Grizzly recht nah an unser Camp heran, Rainer prüft sofort die Vollständigkeit der Gruppe und da einer fehlt, wird sofort ein anderer mit einem Bärenspray losgeschickt, um ihn zu holen. Der Bär beäugt uns, aus etwa 50-100 Metern Entfernung, schwimmt dann durch den Fluss und spaziert auf der anderen Flussseite an unserem Camp vorbei, ein wunderschönes Fotomotiv abgebend. Noch lange treibt er sich zwischen den Büschen und Blaubeeren herum, wir können ihn stundenlang in der Ferne sehen.

 

Der zweite Teil unserer Tour ist landschaftlich nicht weniger schön, aber anders. Wir verlassen die Berge, die Ufer sind teilweise bewaldet und flach, teilweise aber auch steil. Der Wind-River fließt immer noch schnell, es ist immer noch schwierig, den richtigen Arm oder Kanal zu finden  - wie Rainer das nur immer macht! Oft fahren wir mit einer Geschwindigkeit von über15 km/h, wir verlieren immer noch viel Höhe, oft 150 m am Tag. Insgesamt verlieren wir ungefähr 800 Höhenmeter während unserer Tour.

Mit den Wanderungen ist es nun vorbei, aber Tierbeobachtungen sind immer noch an der Tagesordnung. Einmal, als wir kurz vor Mitternacht noch am Feuer sitzen, ertönen zwei Pfiffe von Rainer. Wir schnappen unsere Kameras und Ferngläser (es ist ja noch hell!) und stürmen aus dem Camp, Richtung Ufer. Rainer zeigt auf etwas, das aussieht wie ein kleiner Haufen Zweige oder Kleinholz – und es entpuppt sich schließlich als Stachelschwein. Wir schleichen uns an, es lässt sich aber gar nicht stören. Schließlich bewegt es sich langsam auf seinen schwarzen Füßen mit tapsigem Gang davon, ein sehr urtümliches Tier!

Kurz bevor der Wind-River in den Peel mündet, fahren wir an einer Wand vorbei, in der eine Schicht des Permafrostbodens zu sehen ist. Im Sonnenschein taut sie nun langsam auf, sodass immer wieder Brocken gefrorener Erde ins Wasser fallen. Ganz deutlich zu sehen ist, dass von hier ab das bisher glasklare Wasser des Wind nun trüb wird. Aber immer noch bleibt es klar im Vergleich zum Wasser des Peels, in den der Wind nun mündet. Auch der Peel ist schnell, was man aber gar nicht so bemerkt, da er sehr breit ist und es keine engen Kurven mehr gibt.

Aber noch ist die Tour nicht zu Ende! Schließlich kommen wir zu der Stelle, für die Rainer die Spritzdecken mitgenommen hat. Der Lower Peel Canyon soll stehende Wellen haben. Die Spannung steigt, letzte Anweisungen unseres Guides, und dann geht’s los – aber der Wasserstand ist wohl doch nicht so, dass stehende Wellen entstehen. Wir kommen ohne Probleme durch, einerseits sind wir ganz froh darüber, andererseits finden wir es fast ein bisschen schade, dass es nicht aufregender war (Das hätte ich vor ein paar Tagen nicht gedacht!).

Wir paddeln nun noch drei Tage auf dem Peel, bestaunen die hohen Uferwände mit teils merkwürdigen Gesteinsformationen und genießen die schnelle Fahrt. Da es nun nicht mehr kurvenreich ist, kann auch ich mal vom Boot aus fotografieren. Und die Kiesbänke sind voll von wunderschönen Steinen in allen möglichen Farben; einige der schönsten müssen mit in den Rucksack.

 

Doch dann kommt wirklich der letzte Tag der Tour. Ein blaues Verkehrschild am Kiesufer zeigt an, dass hier Flugzeuge landen. Wir bauen zum letzten Mal das Camp auf, machen die Boote schon mal sauber und genießen dann den letzten Abend, denn morgen sollen wir mit der Otter wieder abgeholt werden. Schade, dass die schöne Tour nun zu Ende geht. Der Rückflug über die Strecke, die wir zuvor gepaddelt sind, und über die Berge, die wir bestiegen haben, ist noch mal ein einmaliges Erlebnis, auch wenn wir sehr hoch fliegen müssen, weil das Wetter nicht ganz so gut ist.

Wenn ich mich frage: Was war am schönsten? Die Weite der Landschaft? Die absolut unberührte Natur? Die Tierbeobachtungen? Der schnelle Fluss? Das Campleben? Das Licht fast rund um die Uhr? - ich wüsste es nicht zu sagen. Ich weiß nur: ich möchte es noch mal erleben!

 

Viel Spass bei Eurer Tour auf dem Wind River

Florina Raiser

 

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