"Der mit dem Bär spricht"

Kanutour auf dem Big Salmon River 

Erlebnisbericht von Christine Schulz

 

Schon fast die Hälfte unserer 2-wöchigen Kanutour auf dem Big Salmon River im Yukon Territorium lag hinter uns, als wir abends kurz vor Sonnenuntergang am Feuer saßen und unsere prall gefüllten Bäuche streichelten. Es wurden gerade mal wieder spannende Stories aus dem Leben der Feuerwehrmänner und Soldaten ausgetauscht, während Rainer vergeblich probierte, die letzten Reste eines wie immer viel zu guten Abendessens an den Mann zu bringen.

Der Tag war wunderbar gewesen; nach einer eher kürzeren Paddeletappe waren wir schon am frühen Nachmittag am Camp gelandet. Hier hatte es erst einmal über dem Feuer gebackene Hafercookies mit selbstgepflückten Cranberries gegeben und anschließend hatte unser" Wellness" - Programm stattgefunden: Sauna! Es war einfach genial. In kürzester Zeit war aus Weidenzweigen und unserer Multifunktionsplane eine Sauna errichtet worden, die, gut beheizt mit heißen Steinen, tatsächlich funktionierte und uns ordentlich zum Schwitzen brachte.

So saß ich also da, sauber, satt und müde  vor mich hinträumend, als plötzlich Manfred - der Kommissar - in alarmierendem Tonfall vom nahen Bachufer rief: "Ein Bär ! " Die Gespräche brachen abrupt ab und ich war sofort wieder hellwach. Wir alle sprangen auf und schlichen im Eiltempo in Manfreds Richtung. Da hockten er und Stefan, der ruhige Stefan, dem hier der Bärenentdeckerverdienst gezollt werden sollte. Da hockten sie nun und starrten gebannt aufs andere Flussufer. Mein Blick folgte dem ihren und mir stockte de Atem. Da stand in nicht einmal 100m  Entfernung auf einer Kiesbank ein riesiger Grizzly und schaute zu uns herüber.

Es schien als hätte er uns bemerkt und sähe uns direkt an, aber dann senkte er den Kopf, platschte mit seinen riesigen Pfoten im seichten Wasser und lief sogar noch einige Meter weiter in unsere Richtung.  Da standen wir im warmen Abendlich und konnten aus optimaler Distanz und in aller Ruhe einen Bären beobachten. Mein Blick fiel auf Sandra, unsere Fernsehreporterin und Fotografin, die mit ihrem Teleobjektiv ganz vorne am Fluss kniete und - klick, klick, klick - ihren Film verknipste. Hatte sie nicht erst im Scherz, nachdem sie gestern eine Elchkuh mit Kalb vor der Linse hatte, hatte sie nicht da gesagt, auf ihrer Bestellliste stünde jetzt nur noch ein Bär am Flussufer?  Mein Blick wanderte weiter zu Gernot, dessen Bärenangst schon sprichwörtlich geworden war. Ich musste mir das Lachen verkneifen. Gernot stand schräg hinter mir, trat von einem Bein aufs andere und hielt sich krampfhaft an seinem Fernglas fest. Offensichtlich konnte er seinen Blick nicht von dem Bären abwenden, beschwörte ihn dabei jedoch murmelnder Weise, bloß drubber zu bleiben.

Dieser machte allerdings sowieso keine Anstalten, das Ufer zu wechseln. In aller Ruhe tapste er vor sich hin und gab uns so Gelegenheit, ihn ausführlich von allen Seiten zu bestaunen. Sogar mein Vater, Manfred II, hatte es geschafft, seine Kamera aus unserem Zelt zu holen und fotografierte eifrig. Ich freute mich für ihn, wusste ich doch, dass es einer seiner Träume war, einmal einen Blick auf einen Bären in freier Wildbahn zu erhaschen. Dieser Traum hatte sich wohl erfüllt. Alle unsere Erwartungen waren übertroffen worden. Nach einer reichlichen 1/4 Stunde wandte sich "unser" Grizzly ab und marschierte gemächlich durch das Dickicht davon.

Unsere Sprachlosigkeit war schnell vorüber. Wild durcheinander redend kehrten wir zum Feuer zurück. Die Sonne war nun bereits untergegangen und ich hatte gerade beschlossen, mich schlafsackfertig zu machen, als auf einmal jemand aus der Gruppe rief: "Da ist er wieder!" Natürlich stürmten wir sofort wieder zum Fluss und - tatsächlich - unser Bär war zurückgekommen. In der Dämmerung nur noch als Silhouette erkennbar, stand er wieder an der selben Stelle wie zuvor. Mit gemischten Gefühlen nahm ich ihn zu Kenntnis. Ich dachte auch an die vor uns liegende Nacht. Schließlich lag nur eine Flussbreite zwischen dem Grizzly und unserem Camp, und bis jetzt hatte ich noch keine Nacht gehabt, in der ich nicht mindestens einmal das Zelt verlasen musste, um den Tee wegzubringen, den wir abends am Feuer noch zu trinken pflegten.

Glücklicher Weise schien Rainer unsere Gedanken zu ahnen, denn schon nach wenigen Minuten richtete Rainer sich zu voller Grösse auf und rief mit lauter Stimme zum Bären hinüber: "Hallo Baer! Wir haben Dich gesehen!!" Hier sind wir. Hiiiier!!"

Es dauerte keine 2 Sekunden, da hatte der Bär, nachdem er Rainers Stimme vernommen hatte, sich umgewandt und brach panisch mit lautem Krachen durch die Büsche. Weg war er. Auf und davon. Und diesmal wohl endgültig. Seine panikartige Flucht hatte mich überzeugt. Der hatte offenbar selber viel mehr Angst vor uns als wir vor ihm. Auch Rainer schien befriedigt von der Reaktion des Bären. Trotzdem verstauten wir natürlich noch alle Lebensmittel besonders sorgfältig in den Futtertonnen und stellten diese in größerem Sicherheitsabstand von den Zelten auf. Das Blechgeschirr kam als Alarmanlage noch oben drauf, bevor wir alle in die Schlafsäcke krochen. 

Ich schlief gut in dieser Nacht, wie immer. Aber als ich dann doch raus musste, hockte ich mich ausnahmsweise etwas näher als gewöhnlich beim Zelt nieder.
Sicher war sicher!

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Eine andere Reisestory über eine Big Salmon River Kanutour  finden Sie hier

 

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